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Alte Standgefäße für Drogen

Die ersten beiden Gefäße bestehen überwiegend aus Karton, das Fucus-Gefäß hat einen Span-Deckel und einen Griff aus Metall. Ach ja: Droge ist ein Fachausdruck für Heilpflanzen. Früher war dieser Ausdruck auch in der Bevölkerung ohne Beigeschmack bekannt. Er findet sich noch als Wortstamm in der Drogerie. Ach ja, die auf dieser Seite abgebildeten Gefäße stammen aus dem 20. Jahrhundert, ich habe sie (mit Ausnahme des für Blasentang) jeweils in Apotheken angetroffen, in denen sie noch eingesetzt wurden oder ausgesondert wurden. Für die Aussonderung gibt es mehrere Gründe:

  • Drogen müssen dicht verschlossen gelagert werden. Es geht dabei um mehreres:
    • Schutz der ätherischen Öle (und Schutz vor Geruchsbelästigung). Wer einmal Baldrianwurzel herumliegen hatte, weiß, wovon ich rede.
    • Schutz vor Licht und Feuchtigkeit
    • Verhinderung der Verbreitung von Schädlingsbefall. Ich muss anfügen, dass ich Schädlingsbefall bei Arzneidrogen letztmals Anfang der 1990er Jahre erlebt habe. Insbesondere Huflattichblüten sind mir als sehr anfällig in Erinnerung. Im Ausland werden Drogen radioaktiv bestrahlt, in Deutschland ist dies zum Glück nicht zugelassen. Der Drogengroßhandel behilft sich mit Kohlendioxid-Begasung bei erhöhter Temperatur.
  • Apotheken führen kein breites Sortiment an Drogen mehr – mangels Nachfrage, aufgrund stetig verschärfter regulatorischer Anforderungen und wegen kurzer Verfallfristen. Der Platz für Standgefäße kann anderweitig besser genutzt werden.

 

Fucus vesiculosus

Blasentang

Blasentang ist als Arzneimittel obsolet, allerdings wird in mehr oder minder regelmäßigen Abständen Blasentang-Tinktur auf den Markt gebracht, als Schlankheitsmittel zu gesalzenen Preisen. Rationale dahinter: Blasentang enthält viel Jod. Bei Schilddrüsenunterfunktion kommt es zu Stoffwechselanpassungen, die dazu führen, dass weniger Energie verbraucht wird und Gewichtsprobleme entstehen. Wenn eine Schilddrüsenunterfunktion als Ursache von Übergewicht vorliegt und diese von Jodmangel verursacht ist, könnte Blasentang tatsächlich etwas bewirken. Allerdings können die unkontrolliert großen Jodmengen in Blasentang zu Entgleisungen von vorhandenen Schilddrüsenstörungen führen. Ärztlich beaufsichtigte Therapie ist sicherlich sinnvoller. Zur Vorbeugung empfiehlt sich ein bis zwei mal die Woche eine Mahlzeit mit Meeresfisch.

Scrophularia nodosa

knotige Braunwurz

Als Heilpflanze ist Scrophularia schon lange obsolet. Beim Literaturstudium lässt sich herausfinden, dass sie Saponine enthält – wenig überraschend wegen ihrer Verwandtschaft zur Königskerze und daher – das haben Saponine so an sich – in höherer Dosierung zu Magen-Darm-Beschwerden und rotem Urin (Hämolyse) führt.

Die volkstümliche Anwendung gegen Geschwüre beruht vermutlich auf der Signaturenlehre, die ebenfalls überlieferte Anwendung als Diuretikum könnte Flavonoiden geschuldet sein. Aus Verwandtschaftsgründen (auch Fingerhut gehört zu den Braunwurzgewächsen) wären auch Herzglykoside denkbar, in der Literatur fanden sich aber keine Hinweise auf deren Vorhandensein.

Verbascum phlomoides

Königskerze, Wollblume

Königskerzenblüten sind ein traditionelles Hustenmittel. Durch ihren Schleimgehalt lindern sie Reizhusten (antitussiv), die Saponine wirken schleimlösend (expectorierend). Herumkauen auf Königskerzenblüten ist ein Erlebnis, das man nicht so schnell vergisst: Die Pflanze trägt kräftige Haare, darüber hinaus kann man die expectorierende Wirkung sofort erleben.

Das abgebildete Standgefäß besteht aus Blech, im Deckel ist eine Gummidichtung, der Deckel trägt innen einen Behälter, der mit Trpckemittel befüllt werden kann. Grund dafür: Flores Verbasci sind feuchtigkeitsempfindlich. Sie werden unansehnlich braun, wenn sie nicht vor Luftfeuchtigkeit geschützt werden.

Alte Standgefäße für Chemikalien und Galenika

Galenika sind arzneiliche Mischungen (oftmals gebrauchsfertig), im Unterschied zu Reinstoffen und Drogen.

Spiritus saponatus

Seifenspiritus

Seifenspiritus wird nach DAB 6 hergestellt, indem Kalilauge und Olivenöl in Ethanol angesetzt werden. Nach vollständiger Verseifung wird weiterer Ethanol und Wasser zugesetzt. Letztlich entsteht eine alkoholische Lösung von Schmierseife, wobei diese – in anderer Konzentration – kurioserweise ebenfalls im DAB 6 enthalten ist: Spiritus Saponis kalini.

In der Apotheke war Seifenspiritus vor der Einführung der modernen Reinigungsmittel Mittel der Wahl zur Reinigung von Gefäßen mit öligen Rückständen. Gelegentlich wurde er auch als Mittel gegen Blattläuse eingesetzt.

Dass das Gefäß mit einem Korken verschlossen ist, liegt nicht etwa an einem verloren gegangenen Stopfen, sondern daran, dass alkalische Flüssigkeiten zum Festfressen von Glasstopfen führen.

Aqua Acidi borici

Borwasser

Borwasser und Borsalbe waren lange Zeit beliebt als gut verträgliche Desinfektionsmittel, zum Beispiel für Wunden und Schleimhäute, obwohl schon in Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis von 1930 zu lesen war, dass Borsäure Wirkungslücken zum Beispiel gegen Schimmelpilze aufweist und dass es zu Vergiftungen durch Resorption kommen kann.

Ein Abschnitt über Borsäure findet sich zum Beispiel in Louis Lewin: Gifte und Vergiftungen (Fünfte Auflage von 1928). Lewin berichtet, dass bereits Mengen ab 1 g auch bei örtlicher Anwendung zu Schäden führen können. Mengen ab 8 g sind tödlich. Lewin berichtet auch über einen Todesfall nach äußerlicher Anwendung von Borsalbe bei Erwachsenen.

1984 zog das Bundesgesundheitsamt nach Berichten über Vergiftungen bei Säuglingen und Kleinkindern (die wegen großem Anteil der Haut am Gesamtkörper, schlechter Ausscheidungsleistung und großer Hautdurchlässigkeit besonders gefährdet sind) die Reißleine und verbot Borverbindungen bis auf die Anwendung zur Isotonisierung von Augentropfen.

Es wird behauptet, dass Bor gegen Osteoporose helfen könne und an der Bildung von Sexualhormonen beteiligt sei. Dies ist unbewiesen und zweifelhaft. Falls dem so wäre, ist der vermutete Bedarf über die übliche Ernährung gedeckt; bei zusätzlicher Zufuhr handelt man sich gesundheitliche Risiken ein.

Borwasser war im Unterschied zu Borsäure nicht im Arzneibuch monographiert. In Apotheken waren 3% eher üblich als 2%, das Standgefäß könnte daher aus einer Drogerie stammen.

Jodoformum – Jodoform

In Apotheken gab es für die Verarbeitung von Stoffen, die intensiven Geruch oder intensive Färbung hervorriefen, spezielle Arbeitsgeräte. Einer dieser Stoffe ist Jodoform, eine gelbe Substanz, die intensiv nach Desinfektion und Halogen riecht. In den Abbildungen sehen Sie eine Jodoform-Kiste, darin befanden sich eine Reibschale mit Pistill, eine Handwaage, ein Löffel und ein Standgefäß mit Jodoform (leider nicht erhalten). Die Kiste wird mit einem Draht verschlossen, ein Vorhängeschloss kann eingehängt werden.

Jodoform ist ein Separandum (vorsichtig zu lagernder Stoff), daher ist die Beschriftung rot auf weißem Grund.

Zur Wirkung von Jodoform: In Hagers Handbuch von 1930 findet sich die Angabe: Jodoform ist ein Stoff, der das Eitern von Wunden verhindert. Es wurde in breitem Maße zur Wunddesinfektion eingesetzt, in Form von Pudern, in ätherischer Lösung, als Jodoform-getränkter Mull. Jodoform-Tamponaden wurden noch bis Ende des 20. Jahrhunderts industriell produziert. Bereits bei Hager wurde vermutet, dass die Wirkung von Jodoform alleine durch die Freisetzung von Jod zustande kommt. Heute stehen mit PVP-Jod-Salbe und -Lösung angenehmere jodhaltige Wunddesinfektionsmittel zur Verfügung.

Phosphorus

Phosphor

Weißer Phosphor verfügt über einige spezielle Eigenschaften:

  • Er ist extrem giftig, bereits 0,05 g können für einen Erwachsenen tödlich sein.
  • Er reagiert mit Luftsauerstoff. Diese Reaktion kann zu Selbstenzündung führen.
  • Die Reaktion mit Luftsauerstoff erfolgt unter Chemolumineszenz, das heißt, er leuchtet im Dunkeln. Der Begriff Phosphoreszenz verdankt dem Phosphor seinen Namen, Phosphoreszenz ist jedoch ein Nachleuchten, das auf physikalischem Wege zustande kommt.

Die ersten beiden Eigenschaften führen dazu, dass Phosphor unter Wasser aufbewahrt werden muss (in Wasser ist er fast unlöslich, in Ölen löst er sich) und dass er gesichert aufzubewahren ist. Für Apotheken war vorgeschrieben, dass das Phosphor-Fach im Keller eingemauert zu sein hatte. Eine Belüftung war trotz der Gefährlichkeit empfohlen, da bei der unvermeidlichen Zersetzung des Phosphors Säuredämpfe entstehen. Im zweiten Bild kann man die Säureschäden an der Metalleinfassung des Faches deutlich erkennen.

Als starkes Gift gehört Phosphor zu den Venena (lateinisch Venenum bedeutet Gift) und wurde daher in weißer Schrift auf schwarzem Grund gekennzeichnet. Bleibt die Frage, wofür dieser sowohl physikalisch als auch toxikologisch höchst bedenkliche Stoff eigentlich in Apotheken verwendet wurde. Einerseits wurde er als Rattengift verwendet, andererseits soll er in minimaler Dosis die Knochenbildung fördern. Für beide Zwecke gibt es heute zum Glück wesentlich sicherere Mittel. Außerhalb der Apotheke wurde Phosphor noch bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zu Zündhölzchen verarbeitet. Es gibt zum Beispiel bei Louis Lewin (Gifte und Vergiftungen, 6. Auflage, Ulm 1962) einige extrem tragische Fallberichte über Phosphorvergiftungen.